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Warum Schreiben dir Erleichterung bringt im Umgang mit schwierigen Gefühlen

Es gibt Gefühle, die du mit freudigem Herzen und sperrangelweit geöffneter Tür empfängst. Egal ob beflügelt, verliebt, überwältigt, energiegeladen, verzaubert und gerührt – du bist es gerne und stellst es nicht in Frage.
Und dann gibt es Gefühle, die du am liebsten gar nicht erst in dein System reinlassen würdest, die sich aber ganz von alleine Zutritt verschaffen.  Dazu zählen Angst, Wut, Trauer, aber auch Hilflosigkeit, Beklommenheit, Lethargie und Verbitterung, um nur ein paar zu nennen.

Kommen diese Gefühle gelegentlich mal vorbei und verschwinden dann wieder, können die meisten Menschen gut damit umgehen.

Gibt es aber Gefühlssituationen, die immer wieder kommen und gegen die du machtlos bist, ist es an der Zeit, den Umgang mit Angst, Wut und co. zu lernen. 

Wenn schwierige Gefühle die Kontrolle übernehmen

Bist du jemand, der extrem eifersüchtig ist – ohne dies ändern zu können?
Übermannt dich die Angst davor, etwas falsch zu machen- immer und immer wieder?
Wirst du schnell wütend und bist impulsiv?
Ärgerst du dich auf Arbeit ständig, weil du nicht gesehen wirst, oder weil deine Kollegen bevorzugt werden?

Vereinnahmt und belastet dich etwas,  das in deiner Vergangenheit passiert ist und du kommst davon nicht los?
Oder macht sich in dir regelmäßig Lethargie breit, die dich lähmt und prokrastinieren lässt? 

Die Liste an Beispielen für Situationen, in denen Gefühle die Veranwortung für dein Handeln haben, ist lang.

Es gibt aber einen gemeinsamen Nenner:
Du gibst die Kontrolle für dein Verhalten ab. Du wirst davon abgehalten, das zu tun, was du wirklich tun willst. Wenn diese Gefühle unkontrolliert sind, halten sie dich sogar davon ab, zu wissen, was du wirklich tun willst. Stattdessen gehst du in eine passive, beobachtende Rolle. Und glaubst, dass das normal ist.

Der Umgang mit Angst, Wut und Co. ist etwas, das du üben musst. Nur dadurch kommst du wieder in die Verantwortung über dein Leben zurück.
Über diese Gefühle zu schreiben, hilft dir den Spieß umzudrehen. Du lernst, dass Gefühle ein Teil von dir sind. Sie sind dir untergeordnet und DU bis sehr viel größer als sie. 

 

Wahrnehmung als elementarster Schritt im Umgang mit schwierigen Gefühlen

Der erste Schritt auf dem Weg zum Umgang mit schwierigen Gefühlen ist die Wahrnehmung dessen, was dich besetzt hat.
Das klingt selbstverständlich – ist es aber nicht.

In der Regel eilen wir mit angezogenem Tempo durch den Alltag. Der Terminkalender ist voll, die To-Do- Liste jenseits von gut und böse und die  Fähigkeit, zehn verschiedene Baustellen zu bedienen, ist bis zum Maximum ausgereizt.
Menschen haben tatsächlich sehr oft gar nicht die Zeit, sich mit der eigenen Gefühlswelt auseinanderzusetzen.

Das ist zugegeben ein Worst-Case Szenario, denn Gott sei Dank ist das Thema Achtsamkeit schon viel mehr in unser Bewusstsein gedrungen als dies noch vor zwanzig Jahren der Fall war.

Dennoch gibt es viele Menschen, die eher auf die Ereignisse in ihrem Leben reagieren, als sie aktiv zu beeinflussen. Wo also bleibt die Zeit, intensiv Innenschau zu betreiben?
Genau hier kann Schreiben eine wichtige Funktion einnehmen.

Wenn du dich entscheidest, dir jeden Tag 15 Minuten Zeit zu nehmen, um über das zu schreiben, was in dir los ist, gehst du den ersten Schritt in Richtung Kontrolle.
Selbst wenn du nichts anderes tust, als in diesem Zeitraum auf die Frage zu antworten:

Was fühle ich gerade?

Dies ist vor allem deshalb wichtig, weil das, was du denkst zu fühlen, nicht immer das ist, was du wirklich fühlst. Gefühle verstecken sich manchmal hinter anderen Gefühlen.

Viele Menschen werden z.B wütend, wenn sie eigentlich verletzt sind. Sich die eigene Verletzung bewusst zu machen, braucht Zeit. Sich dann auch noch bewusst zu machen, warum man verletzt ist, braucht noch mehr Zeit.

Ein Gefühl will dir meistens etwas mitteilen, Wenn du dich hinsetzt und über dieses Gefühl schreibst, gehst du bewusst in die Wahrnehmung des Gefühls und dessen Botschaft. Dies kann dir bereits viele interessante Einsichten bringen.

Dass Schreiben Detektivarbeit ist, habe ich in meinem Artikel ‚Wobei therapeutisches Schreiben dir wirklich helfen kann‘ beschrieben. Wenn du diese Arbeit nicht machst, kann es sein, dass sich deine Gefühle verselbständigen. Sie bekommen eine Eigendynamik, werden immer stärker, konfuser und schwer zu durchschauen.

Je länger du es hinauszögerst, dich mit deinen Gefühlen auseinanderzusetzen, desto schwieriger wird es. Wenn erstmal Unordnung oder Chaos herrscht in deinem Innenleben, kostet es viel mehr Zeit, wieder aufzuräumen und für Harmonie zu sorgen.

Akzeptanz statt Vermeidung

Über ein Gefühl zu schreiben, bedeutet, ihm Raum zu geben.

Wir neigen dazu, unangenehme Gefühle wegdrängen zu wollen. Das ist ungefähr so, als wolle man einen Wasserball unter Wasser drücken. Unglaublich anstrengend. Und gelingt es einmal, kommt er mit doppelter Schwungkraft wieder an die Oberfläche zurück. Ein sinnloses Verfangen – und doch versuchen wir es immer und immer wieder.

Durch Schreiben sagst du ja zu deinem Gefühl. Du drängst es nicht weg, sondern hörst zu, was es zu sagen hat.
Schon alleine die Tatsache, dass du ein Gefühl annimmst, kann schlagartig Erleichterung bringen.
Du änderst dadurch deine Bewertung von „Ich will das nicht haben“ zu „Ich schaue mir das mal genauer an“. 

Die eigene Bewertung zu dem Gefühl, das man hat, zu ändern, ist noch auf andere Weise wichtig.
Stell dir folgende Situation vor:
Eine Person, die du sehr schätzt, hat etwas bekommen, was du dir selbst schon seit Jahren wünschst. Du willst dich für sie freuen, tust es vielleicht auch, aber in dir setzt sich noch ein anderes Gefühl durch. Beim genaueren Hinsehen (hinschreiben!) stellst du fest, dass es Neid ist. Du willst dich aber nicht neidisch fühlen, denn das Gefühl bewertest du negativ. Nun fühlst du dich nicht nur neidisch, sondern ergehst dich auch noch in Selbstabwertung, weil du neidisch bist. Du fühlst dich doppelt schlecht. Höchste Zeit für eine Änderung deiner Bewertung des Neid-Gefühls. Du kannst dich schreibend auch diesem Gefühl widmen. Und auch hier wirst du rausfinden, was die Ursache ist.

 

Definierte Grenzen statt ausuferndes Gefühlschaos

Dein Gefühl schwarz auf weiß auf Papier zu bringen, gibt ihm eine definierte, abgegrenzte Form. Selbst wenn du stundenlang über dieses Gefühl schreibst: es einen Anfang und ein Ende, sei es nach zwei, fünf oder zwanzig Seiten.
Dadurch hast du etwas, was dir vorher riesengroß und überwältigend vorkam, zu etwas Greifbaren, außerhalb von dir Liegendem gemacht.

Diesen Prozess nennt man in der Psychologie „Externalisierung„. Du bringst etwas aus deinem Innenleben nach außen und machst es sichtbar.

Uns bereitet im Leben vor allem das Sorgen, was wir nicht eingrenzen können.
Das merken wir z.b. dann, wenn wir zu viel zu tun haben und die Menge der uns liegenden Aufagaben schier zu erdrücken erscheint. Wenn wir sie als gut organisierte To-Do Liste zu Papier bringen, merken wir, dass es zumindest überschaubar und greifbar ist. Es hat Grenzen. Es ist machbar.

Genauso ist es auch mit einem erdrückenden Gefühl. Es wirkt auf dich uferlos. Bis du es ausgeschrieben und analysiert auf dem Papier siehst und feststellst: Es ist gar nicht so überwältigend, wie du dachtest.

Dein Gefühl liegt sichtbar vor dir. Es hat Grenzen und eine Form. 
Du kannst jetzt anfangen, damit zu experimentieren.

Über die Wichtigkeit von schwierigen Gefühlen

Zum Schluss noch ein paar persönliche Gedanken zu der Wichtigkeit von schwierigen Gefühlen.
Ich lese immer wieder, dass unangenehme Gefühle eine wichtige Funktion haben, da sie einen auf etwas hinweisen wollen.  Und dass sie wichtig sind und Teil des Lebens.
Ich stimme dem nur bedingt zu.
Ja, es gibt einen Grund, warum wir Gefühle wie Angst, Wut und Hilflosigkeit erleben. Allerdings  reagiert dein System nur deshalb mit der Heftigkeit eines andauernden, belastenden Gefühls, weil du vorher bereits den Warnschuss nicht gehört hast.

Ein Gefühl meldet sich meistens sanft an. Es sei denn, es wird nicht gehört. Dann wird es zum unangenehmen Zeitgenossen.

Ich schreibe immer wieder über die Wichtigkeit, auf die innere Stimme zu hören. Auch im Zusammenhang mit Gefühlen spielt sie eine Rolle.

Bevor es überhaupt zu einem  schwierigem Gefühl kommen kann, hat uns unsere innere Stimme bestimmt schon fünf Hinweise gegeben. Das sind die Momente im Leben, in denen dir dein Bauchgefühl sagt, dass du etwas lieber nicht tun solltest, auch wenn es vielleicht vernünftig wäre. Wenn du es dennoch tust, reagiert dein System. Mit Gefühlen. Wenn du aber im Vorfeld schon darauf achtest, deiner inneren Stimme zu folgen, kommt es erst gar nicht zu einer Gefühlsübernahme. Deswegen betone ich immer wieder die Wichtigkeit der inneren Stimme. Sie schützt dich vor vielen emotionalen Untergängen.

Zusammengefasst

Schreiben hilft dir,

  • deine Gefühle wahrzunehmen und ihnen erstmals einen Raum zu geben.
  • tiefer zu graben und herauszufinden, welches Gefühl sich hinter deinen Handlungen versteckt.
  • Gefühle in eine feste Form zu verpacken.
  • deine inneren Anteile nach Außen zu bringen und so sichtbar und greifbarer zu machen.
Dein schwieriges Gefühl liegt nun analysiert, begrenzt und sichtbar vor dir. Nun kannst du anfangen damit herumzuexperimentieren. Du hast die Kontrolle zurück.

 

 

Deine innere Stimme schützt dich vor einer Übernahme schwieriger Gefühle. Bleibe mit ihr in Kontakt. Mein kostenloses Workbook hilft dir dabei. Lade es dir hier runter!

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