Die ersten 5 Schritte für AnfängerInnen:

Wie du ganz einfach mit dem therapeutischen Schreiben startest, auch wenn du keine Schreiberfahrung hast

Ein weit verbreiteter Irrtum, dem ich in meiner Arbeit als Schreibtherapeutin begegne, ist der Glaube, dass man bereits Erfahrung mit dem Schreiben haben müsse, um von der Schreibtherapie profitieren zu können.
Das stimmt nicht.
Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall: Die schwierigsten KlientInnen sind die, die bereits eine Menge Schreiberfahrung mitbringen, vielleicht sogar schon literarisch anspruchsvolle Werke verfasst haben oder zumindest geschulter im Ausdruck und Struktur sind. Es fällt ihnen oft schwer, den Anspruch zu senken und dem Ausdruck zu geben, was bei der Schreibtherapie am wichtigsten ist: den inneren Anteilen, so wie sie gerade da sind. In guten wie in schlechten Worten.
Beim therapeutischen Schreiben geht es nicht darum, schöne Sätze zu formulieren. Es geht darum, Gefühlen und Gedanken eine Form zu verleihen. Diese Form darf zuerst mal aussehen, wie sie will. Später kann man damit spielen, aber das ist nicht zwingend nötig.

Wenn du noch keine oder wenig Erfahrung mit dem Schreiben über dich selbst gemacht hast, ist das super. Du kannst mit einem unvoreingenommenen Anfängergeist starten. Damit dein Start ohne Stolpersteine geschieht, gebe ich dir fünf Tipps mit auf den Weg, wie du sofort loslegen kannst.

Schritt 1: Kauf das billigste Notizbuch/Tagebuch, das du finden kannst

Wie bitte?! Du hast richtig gehört. Einen Fehler, den ich selbst schon oft genug in meinem Leben gemacht habe, ist, mir ein besonders schönes, teures Notzibuch zu kaufen. Eines mit kreativen Farben und wertbollem Einband und am besten noch mit einem veredelten Stift dazu. Das Problem: Solche Notizbücher fristen meistens ein jungfräuliches Dasein. Sie sind einfach zu schön, um sie mit lapidaren, einfachen und alltäglichen Gedanken und Worten zu füttern. Der Anspruch steigt, du willst nur die erlesensten Sätze mit ihnen teilen, dein innerer Kritiker leistet Überstunden, die Seiten bleiben leer.
Es hat sich bewährt, einen simplen Collegeblock zu nutzen. Die gibt es sogar für unter einem Euro. Eilige Gedanken tippe ich unterwegs in mein Handy ein – den einzigen Notizblock, den ich immer dabei habe.
Einen vollkommen uninteressanten Schreibblock zu besitzen, hat noch einen anderen Vorteil: Es fällt dir viel leichter, ihn wegzuschmeißen. Und manchmal ist es hilfreich, Geschriebenes wieder zu entsorgen. Nicht jeder emotionale Worterguss ist es wert, aufgehoben zu werden. Manches ist Balast und kann entsorgt werden.

Schritt 2: Schließ einen Vertrag mit dir selbst ab

Es gibt viele gute Gründe, warum man therapeutisches Schreiben für sich selbst nutzen sollte. Es hilft dir, mit der Vergangenheit aufzuräumen, dich selbst besser kennenzulernen, deine Persönlichkeit zu verfeinern und vor allem: die Kontrolle über dein Leben zu behalten bzw. wiederzuerlangen.
Wenn du beschließt, dass du das Schreiben fortan als Werkzeug nutzen möchtest, um bewusster durchs Leben zu gehen, ist das eine Entscheidung.
Du willst etwas für dich tun und hast damit einen wichtigen Schritt gemacht. Schließe nun einen Vertrag mit dir selbst ab. Das kannst du in einem kleinen Ritual machen, in dem du den Vertrag gestaltest und feierlich unterschreibst. Beginne mit den Worten:

„Ich, …, verspreche hiermit, mich in den nächsten 3, 6, 9, etc. Monaten intensiver mit mir selbst auseinanderzusetzen. Ich will mindestens dreimal die Woche Raum und Zeit schaffen, um mich hinzusetzen und zu schreiben.
Ich nehme diese Aufgabe ernst, so wie ich mich selbst und meine Weiterentwicklung ernst nehme.“

Es mag dir seltsam erscheinen, diesen Vertrag zu schreiben und abzuschließen. Aber es macht etwas mit dir. Du nimmst dich selbst ernst in deinem Vorhaben und hast es schwarz auf weiß auf dem Papier stehen. Welchen Zeitraum du dir dabei vornimmst, ist letztendlich egal – ich schlage vor, dass du erstmal mit weniger anfängst, dann ist die Hürde nicht so groß. Aber schreibe auf, wie oft in der Woche du schreiben möchtest. Verpflichte dich. Überimm Verantwortung für dein Versprechen.

Schritt 3: Schaffe dir Zeiträume

Du hast Lust, dich schreibend mehr kennenzulernen. Du willst bewusster durchs Leben gehen, willst mit ein paar Dingen aus der Vergangenheit aufräumen (lies hierzu gerne diesen Blogartikel). Aber der Alltag kommt dazwischen, der Job zermürbt, abends ist es leichter, sich abzulenken. 
Jetzt, wo du den Vertag mit dir selbst abgeschlossen hast und weißt, dass du z.b. dreimal oder fünfmal die Woche schreiben möchtest, überlege dir, was realistisch ist. Wie sieht dein Alltag aus? Wo kann es Zeiträume geben? Klassisch ist es, abends zu schreiben, vor dem schlafen gehen. Klappt aber nicht bei jedem, ich persönlich bin da meistens zu müde und bevorzuge den Morgen. Bist du bereit, deinen Wecker auf eine halbe Stunde früher zu stellen, um den Tag reflektierend zu beginnen? Vergiss nicht, du hast einen Vertrag mit dir abgeschlossen, ein bisschen Einsatz darf ruhig sein.😉Schreibzeiten können aber auch nachmittags sein, oder in der Mittagspause.
Ich höre manchmal, dass es besser ist, häufiger zu schreiben und dafür kürzer. Das ist typabhängig. Vielleicht passt es dir besser, dir am Wochenende zwei Stunden Zeit einzuräumen, in denen du die Woche reflektierst, statt unter der Woche. Mach das. Es ist egal, wann du schreibst. Wichtig ist, dass du schreibst.
Der Vorteil daran, häufiger und kürzer zu schreiben liegt darin, dass du häufiger die Barriere des Hinsetzens und Schreibens überwindest. Und damit kann es schneller zu einer Gewohnheit werden. Aber wie gesagt: Hauptsache, du schreibst regelmäßig, egal ob einmal in der Woche oder fünfmal.

Schritt 4: Trainiere deine Wahrnehmung

Nachdem du nun die äußeren Umstände geklärt hast, geht es um den Inhalt. Dabei gibt es eine elementare Fähigkeit, die du unbedingt trainieren darfst, damit dir das Schreiben zunehmend leichter fällt : Deine Wahrnehmung!
Am Anfang steht die bewusste Wahrnehmung. Um dich selbst reflektieren zu können, ist es wichtig, dass du wahrnimmst, was passiert. Im Außen, wie im Innen. Das heißt konkret:
Dein Blick darf wach auf das gerichtet werden, was um dich herum passiert. Er darf und muss genauso wach auf das gerichtet werden, was in dir selbst passiert. Wann immer du tagsüber daran denkst, frage dich: wie geht es mir gerade? Welches Gefühl ist vorherrschend? Was passiert gerade in mir? Was passiert gerade im Außen? Was tue ich gerade?

Trete für einen Moment aus dir selbst heraus und beobachte dich von außen – als seist du die Protagonistin in einem Buch oder Film.

Es reicht, dir die Fragen zu stellen. Wenn Antworten kommen – gut. Aber das ist erstmal gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass du dich daran gewöhnst, mit deiner Aufmerksamkeit bei dir selbst zu sein. Das kann im hektischen Alltag sehr herausfordernd sein und braucht mit Sicherheit ein wenig Übung. Du kannst dir abends bewusst machen, ob oder wie oft es dir gelungen ist am Tag. Alleine dadurch rückst du die Erinnerung an das Wahrnehmen mehr in dein Bewusstsein.

Wahrnehmung lässt sich auch im außen trainieren. Egal, ob in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Hundespaziergang: Mache dir so oft wie möglich bewusst, was gerade passiert.

Übrigens: Das Trainieren deiner Wahrnehmung hat zwei weitere Vorteile. Es ist ein hervorragendes Achtsamkeitstraining, das dir zu mehr Entspannung und Gelassenheit verhelfen kann. Und es ist ein Kreativitätsbooster, wie ich u.a. in diesem Artikel beschrieben habe.

 
 

Schritt 5: Stelle dir konkrete Fragen

Es ist soweit. Du hast ein Notizbuch, du hast einen Vertrag mit dir selbst geschlossen, du hast dir Zeiten freigeschaufelt, übst brav, dich tagsüber zu beobachten und nun sitzt du da, mit deinem Billig-Collegeblock und willst starten. Nur wie?!
Das freie Schreiben über sich selbst kann einem sehr schwer fallen, wenn man es nicht gewohnt ist. Es ist leichter, wenn man konkrete Fragen hat, denen man antwortet:

Was war heute/gestern/diese Woche geplant und hat auch stattgefunden?
Was war unerwartet?
Gab es etwas, das mich aus der Ruhe gebracht hat?
Kann ich sagen, warum das so war?
Habe ich eine Idee, was ich bräuchte, um nächstes Mal mehr in meiner Ruhe zu bleiben?

Wie geht es mir gerade im Moment?
Wie fühle ich mich?

Worauf bin ich diese Woche wirklich stolz?

Es gibt unzählige Fragen, die man sich stellen kann. Meine goldene Regel für das therapeutische Schreiben lautet:
Hinterfrage alles. Nimm nichts als selbstverständlich hin. Lass kein ‚man muss ja‘ oder ‚es ist doch immer so‘ zu, sondern frage dich, warum es so ist. Sei wie das Kind, das den Erwachsenen mit seinen ‚Warum‘-Fragen löchert.

➡️Es ist nicht so schwer, mehr Selbstreflektion in sein Leben zu bringen und dadurch bewusster das eigene Leben zu gestalten. Das Schreiben bietet dafür eine Menge Möglichkeiten – viele werde ich in zukünftigen Blogbeiträgen vorstellen. Folge mir am besten, um das nicht zu verpassen!

Am wichtigsten am Anfang ist: Sei gnädig mit dir selbst. Egal, was du aufschreibst, es ist richtig so. Es gibt keine falsche Art, mit dem Schreiben über sich selbst zu beginnen. Und jeder kann es für sich nutzen, egal ob schreiberfahren oder nicht!

Zu zweit geht am Anfang vieles einfacher! Gerne begleite ich dich bei deinen ersten Schritten ins therapeutische Schreiben. Wie das aussehen kann, können wir in einem kostenlosen Erstgespräch herausfinden!

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