Schreiben ohne Lästermaul- drei Szenarien für den Umgang mit dem inneren Kritiker

Da ist sie wieder. Diese innere Stimme. Sie flüstert mir zu und sie flüstert mir ein, hauchig, zischend und manchmal auch zornig, lästernd, hämisch. An anderen Tagen wiederum einschmeichelnd, zutraulich – sie wolle mich ja nur davor bewahren, mich zu entblößen, Schwäche zu zeigen und Spott zu riskieren.
Meine Freundin sei sie, so hypnotisiert sie mich, ich solle ihr doch vertrauen.

Mein innerer Kritiker ist eine SIE, wie mir jetzt gerade das erste Mal klar wird. Es ist eine weibliche Stimme mit meiner Klangfarbe, die ein Eigenleben entwickelt hat.
Entstanden ist sie in einer Phase aus meiner Kindheit, in der ich noch nicht fähig war, das Erlebte zu reflektieren. Sie war die Stimme der erwachsenen Menschen um mich herum, die es besser wussten. Der Lehrer, der mich auf meine nicht vorhandene Schönschrift hinwies und meine Eltern, die stets Leistung forderten und Lob nicht unverdient verteilten.
Und noch viele andere Menschen, denen ich im Laufe meines Aufwachsens begegnet bin und die mich stets anfeuerten, Dinge noch besser zu machen und mich nicht mit weniger zufrieden zu geben. Ich war zu klein, um mich abzugrenzen und dem etwas entgegenzusetzen und nun ist es da, dieses Wesen, hat es sich bequem gemacht, die Füße hochgelegt und ist voll und ganz in seiner Rolle als besserwisserischer Kommentator aufgegangen. Die Folge sind Schreibblockaden, Prokrastination und viel heiße Luft an der Stelle, wo handfeste Veröffentlichungen stehen sollten.

Nun bin ich Gott sei Dank heute nicht mehr das Kind, dass Kritik hoffnungslos ausgeliefert ist. Stattdessen habe ich drei innere Szenarien entwickelt, die je nach Tagesform zum Zuge kommen, wenn es mal wieder darum geht, dem Kritiker etwas entgegensetzen zu müssen.

3 Szenarien für den Umgang mit dem inneren Kritik

Erstes Szenario:
Ich gebe meinem inneren Kritiker Raum und nehme ihn ernst.

Diese kritische Stimme in mir hat etwas zu sagen und das sollte ich mir anhören. Dabei geht es weniger um die konkreten Äußerungen, die sie mir einflüstert, sondern um die Sorge dahinter. Schließlich meint sie es doch wirklich nur gut mit mir. Ich fordere Schreibklienten gerne auf, in den Dialog zu gehen mit dem inneren Kritiker – und zwar am besten schriftlich. Was willst du? Ok, warum? Und was glaubst du, sollte ich anders machen?
Daraus können erstaunliche Erkenntnisse entstehen und am Ende verstehen beide Beteiligten sich ein wenig besser.
Eine weitere Möglichkeit dieser inneren, dem Kritiker zugewandten Haltung, ist auch, sich eine Woche lang jeden Tag die Zeit zu nehmen, um alle Kommentare, die er so von sich gibt, aufzuschreiben. Unzensiert und vollkommen ehrlich. Und dann bewusst einen Schlußstrich zu setzen.

Szenario 2:
Ich gebe meinem inneren Kritiker zwar Raum, nehme ihn aber nicht ernst.

Wer Harry Potter kennt, erinnert sich vermutlich an den ‚Ridiculous‘-Zauber. Es geht darum das, wovor man am meisten Angst hat, ins Lächerliche zu ziehen. Dies lässt sich auch hervorragend auf den Kritiker anwenden, vor allem, wenn dieser dazu führt, dass man schon gar nicht mehr schreibt, weil er bei jedem Satz reingrätscht.
Anstatt Angst vor dem Kritiker zu haben, mache ihn zu etwas, dass ein Aussehen hat. Das kannst du visualisieren oder aufmalen. Dann verändere dieses Aussehen. Füge Details hinzu, wie z.b. ein Hawaihemd oder lilane Glitzerpumps. Oder lass ihn eine komplette Transformation erleben, in eine andere, viel weniger furchteinflößende Wesenheit. Wenn du noch einen Schritt weiter gehen willst, dann stelle dir vor, wie du dieses neu entstandene Wesen in die Wüste schickst. Oder über die Nordsee katapultierst.
Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Szenario 3:
Ich gebe meinem inneren Kritiker keinen Raum und nehme ihn erst recht nicht ernst.

In diesem Szenario habe ich mich, nach dem wiederholten Durcharbeiten der anderen beiden Szenarien, mittlerweile eingerichtet. Es ist vor allem für all jene gut, die sich schon ausführlich mit der inneren Stimme auseinandergesetzt haben, diese aber immer noch keine Ruhe gibt.

Ignorieren. Einfach machen. Das ist mein Mantra. Ich höre die Stimme, aber ich schicke sie – manchmal liebevoll, manchmal sehr vehement – wieder weg und schreibe einfach weiter. Oder ich beachte sie noch nichtmal und schreibe trotzdem weiter. Das geht ganz gut, ich glaube, weil ich ihr vorher schon so viel Raum gegeben habe.

Mittlerweile arbeiten wir ganz gut zusammen, die Kritikerin und ich. Ich schreibe, sie korrigiert. Wir haben da so einen Deal – sie darf sich ab dem zweiten Durchlesen einschalten, aber nicht im ersten Entwurf. Der würde mit ihr nämlich gar nicht erst fertig werden.
Die zweite und dritte Überarbeitung machen wir gemeinsam. Danach verschwindet sie wieder, denn sonst würde ich nie veröffentlichen.
Und an guten Tagen sehe ich sie sogar gar nicht mehr getrennt von mir. Da arbeiten wir dann in perfekter Harmonie. Ein auf einander abgestimmtes Team, in dem jede ihre Aufgaben kennt und ihre Fähigkeiten zum richtigen Zeitpunkt einsetzt.

Warum ich die Zeit zwischen den Jahren schreibend verbringe

Was ist sie eigentlich, diese Zeit zwischen den Jahren? Jahrelang habe ich diese Formulierung in den Mund genommen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Dabei ist es in unserer heutigen Gesellschaft sehr gängig, zumindest die Tage zwischen dem 24.12 und dem 31.12 so zu nennen, wenn nicht sogar die zwischen dem 24.12 und dem 6.1.
Es ist eine heilige Zeit, geprägt durch die heilige Nacht des Heiligabends und endend mit der Nacht der Wunder und den heiligen drei Königen.
Die Geschichten und Legenden, um die es in dieser Zeit geht, wurden uns überliefert. Sie haben die begrenzte Zeit einzelner Generationen überdauert und wurden zum Mythos vergangener Zeit, an die heutige Zeit angepasst, modernisiert und teilweise vermarktet.

Es ist die Zeit, die aus der Zeit gefallen ist. Zwischen einem germanischen Mondjahr mit 354 und einem Sonnenjahr mit 365 Tagen. Nicht dazugehörig und somit offen für alles. Die irdischen Gesetze haben keine Gültigkeit mehr und der Schleier zur Anderswelt ist geöffnet und gewähren Einblicke in Übersinnliches, Ungewöhnliches, heißt es. Farkasch* schreibt dazu: „Die Tage zwischen Mond und Sonnenrhythmus eröffnen einen Freiraum, währenddessen Zeit war, auszuruhen, sich satt zu essen, miteinander zu sein, gemeinsam zu musizieren und Geschichten auszutauschen.“
Courtenay* bezeichnet es als eine Zeit des Rückzugs und der Stille, um wieder aufmerksamer und achtsamer zu werden und uns für die größeren Zusammenhänge in der Natur un der gesamten Schöpfung zu öffnen. Für Deiß* ist es eine Zeit, die Kreativität und Leidenschaft weckt, sowie die Intuition schärft.

Ich persönlich bin überwältigt von der Fülle dieser Themen, die diese Tage und Nächte mit sich bringen. Ich fühle mich selber zeitreisend, zwischen Aberglaube und Modernisierung, zwischen Wissenschaft und Mythen. Die alten Geschichten rühren eine sehnsuchtsvolle Seite in mir an. Und machen den Wunsch lebendig, inmitten dieser schnell gewordenen Welt, ein Stückchen Mythos und Zauber zu hinterlassen.
Also lasse ich diese Themen zu meinen Themen werden. Ich schreibe, um den Überlieferungen der Ahnen Respekt zu zollen. Schreibend kann ich achtsam und kreativ sein, schreibend kann ich in mich hineinhören.
Und schreibend kann ich entdecken, was in mir verborgen ist an Geschichten und Ideen. Ich schreibe alleine und ich schreibe in Gesellschaft, erzähle Geschichten. Nicht am Lagerfeuer, aber zumindest in meiner Facebookgruppe Rauhnacht-Schreiben. Und während ich schreibe, beruhigt sich mein Geist.

Es ist eine Ruhezeit. Vergleichbar mit der kurzen Pause zwischen zwei Atemzügen, so Courtenay. Mit einem Zitat von ihr möchte ich enden:
„Die Pause gehört dazu, sie ist Teil des Ganzen, Teil des ewigen Werdens und Vergehens. Mit dem Ausatmen wird das Alte losgelassen, doch bevor der neue Atem beginnen kann, ist es wie ‚die Zeit zwischen den Jahren'“
In dieser Stille schreibe ich weiter, aber das Schreiben verändert sich, ist in einem Zwischenstadium. Und geht im neuen Jahr energiegeladen und regeneriert weiter.

*Quellen zu den Hintergründen der Rauhnächte:
Isabella Farkasch ‚Rauhnächte – Über Wünsche, Mythen und Bräuche. Märchen für Erwachsene‘.
Elfie Courtenay ‚Rauhnächte – Die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren‘
Caroline Deiß ‚Geheimnisvolle Rauhnächte‘
ArsEdition: Die Magie DER RAUHNÄCHTE

5 traditionelle Schreibmethoden, die man in den Rauhnächten unbedingt für sich nutzen sollte!

Die folgenden Methoden, die ich in diesem Artikel beschreibe, sind natürlich auch ganzjährig durchaus empfehlenswert. Aber gerade in den Rauhnächten finden sie aus verschiedenen Gründen, auf die ich weiter unten eingehe, eine besondere Bedeutung.


Jede Rauhnacht hat eine Orakelfunktion für einen Monat des nächsten Jahres.* So galten früher alle Ereignisse, Eingebungen, Träume, Visionen und Ideen und sogar das Wetter des Tages als Hinweise auf das kommende Jahr und sollten demnach notiert werden.
Dafür bieten sich folgende Formen an:

  1. Traum-Tagebuch
    Das Traumtagebuch liegt am besten direkt neben dem Bett. Es lohnt sich, auch mitten in der Nacht, falls man aufwacht, einen Traum reinzuschreiben. Ansonsten morgens direkt nach dem Aufwachen. Wenn man sich an den Traum nicht mehr erinnert, kann man auch das Gefühl beschreiben, das man nach dem Aufwachen hat – welches oft von unseren Träumen beeinflusst wird und in den Rauhnächten ebenfalls als Omen gesehen wird.
  2. Traditionelles Tagebuch
    Das herkömmliche Tagebuch ist sonst gerne Auffangbehälter für ein wildes Gemengelage aus Gefühlen, Geschehnissen und Gedanken. In der Regel geschieht das recht unstrukturiert und impulsiv. Während der Rauhnächte jedoch lohnt es sich aus oben bereits erwähnten Gründen, etwas genauer hinzuschauen, und recht akribisch aufzuschreiben, was alles los war an dem Tag. Es ist spannend, diese Aufzeichnungen in den jeweiligen, zugehörigen Monaten wieder anzuschauen.

    Neben dem Festhalten der Tagesgeschehnisse, spielt auch das Thema Selbstreflexion eine sehr große Rolle in den Rauhnächten. Folgende Methoden eigenen sich gut dafür:
  3. Journal
    Das Journaling hat in den letzten Jahren im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung einen enormen Aufschwung erlebt. Es scheint beliebter zu sein als das traditionelle Tagebuchschreiben, vermutlich, weil es sich auf einige wesentliche Aspekte konzentriert.
    Im Bezug zu den Rauhnächten kann das Journal vor allem dazu genutzt werden, die Fragen zu beantworten, die sich mit den Themen der Rauhnächte beschäftigen. Und derer gibt es viele, vor allem dazu, was aus dem alten Jahr losgelassen werden will und was man im neuen Jahr Neues erschaffen und visionieren möchte. Aber auch viele andere Bereiche des Lebens werden fragend thematisiert, wie z.B. die Familie, Freundschaften, Selbstfürsorge etc.
    Auch als Dankbarkeitsjournal – dessen Funktion es ja auch ganzjährig hat – eignet sich das Journal hervorragend während der Rauhnächte, da eine simple Dankbarkeitsübung am Morgen (schreibe 3 Dinge auf, für die du dankbar bist), schon den Grundstein für eine positive Tagesstimmung legen kann.
  4. Morgenseiten
    Diese von Julia Cameron geprägten drei Seiten, in denen man gleich nach dem Aufwachen ohne Unterbrechung seine Gedanken aufschreibt, sind vor allem als Vorbereitung zu den Rauhnächten und in der ersten Hälfte bis zum 31.12, sehr zu empfehlen. Der Stift wird kein einziges Mal niedergelegt, man schreibt einfach weiter, ohne darüber nachzudenken, was man schreibt. Diese Methode dient besonders gut, um verborgene Gefühle und Muster aufzudecken, die einen blockieren. Beim automatischen Schreiben können wir unseren inneren Kritiker austricksen und unserem Unterbewusstsein Raum geben, Dinge ans Tageslicht zu bringen. Gerade, wenn es darum geht, Altes, was einen unbewusst blockiert, aufzudecken, ihm den Raum zu geben, den es braucht, um dann losgelassen werden zu können, können die Morgenseiten eine sehr wertvolle Hilfe sein.

    Und zu guter Letzt noch ein Klassiker, der ein bisschen als Mädchen für alles dient:
  5. Der Notziblock für ALLE Stichpunkte
    Auch wenn wir in der Idealvorstellung die Rauhnächte gerne zurückgezogen, entspannt, in einer kleinen Hütte in schneebedeckter Natur verbringen – die Realität sieht doch öfters anders aus.
    Und wenn wir unterwegs sind oder gerade keine Zeit haben, ist ein Notizblock ideal, um Inspirationen und Gedanken, die uns kommen, aufzuschreiben, aber auch die kleinen Dinge, die wir täglich erleben und die so oft in Vergessenheit geraten. Grundsätzlich gilt das für das ganze Jahr, aber gerade in den Rauhnächten, nehmen, wie gesagt, unsere Visionen und Ideen nochmal eine besondere Rolle ein und sollten festgehalten werden.
    Da ich selber natürlich nie einen Notizblock dabei habe, wenn ich ihn gerade brauche, finden sich meine Notizen gerne auch mal auf der Rückseite von Kassenzetteln oder – am einfachsten, weil immer mit dabei – im Handy wieder. Ich mag es, dieses Sammelsurium aus Stichpunkten ab und an durchzugehen, während ich nachzuvollziehen versuche, was in dem Moment eigentlich in mir vorging…

Man könnte also alleine mit diesen fünf Methoden die Rauhnächte schon durchgehend schreibend verbringen. Weil mir das aber noch nicht genügt, habe ich ein Konzept entwickelt, in dem ich mich den Rauhnachtsthemen nochmal mit anderen Schreibformen und -methoden widme. Die Impulse dazu poste ich in einer vom Schreibsalon Berlin geführten Facebookgruppe ‚Rauhnacht-Schreiben‘. Ihr seid herzlich eingeladen, teilzunehmen.

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*Quellen zu den Hintergründen der Rauhnächte:
Isabella Farkasch ‚Rauhnächte – Über Wünsche, Mythen und Bräuche. Märchen für Erwachsene‘.
Elfie Courtenay ‚Rauhnächte – Die geheimnisvolle Zeit zwischen den Jahren‘
Caroline Deiß ‚Geheimnisvolle Rauhnächte‘
ArsEdition: Die Magie DER RAUHNÄCHTE

Quelle zu den Morgenseiten:
Julia Cameron ‚Der Weg des Künstlers‘

Das Zusammenspiel von Kultur und Gesundheit

Diesen Beitrag schreibe ich als kleine Werbung für eine Aktion vom Schreibsalon Berlin, die mir sehr am Herzen liegt.
Es geht um das Thema ‚Kultur und Gesundheit‘ – genauer gesagt um den Zusammenhang zwischen den beiden Themen. Und dafür sammeln wir vom Schreibsalon Geschichten. Eure Geschichten. Sämtliche Erlebnisse, in denen ihr erfahren habt, dass ein bestimmes Lied oder Buch oder Theaterstück oder ein Museumsbesuch u.v.m. euch in eurem Leben zum positiven hin geprägt und verändert hat, sind willkommen. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Schreibsalon-Homepage unter https://schreibsalonberlin.de/portfolio/kultur-als-lebenselixir/ , auch die ersten veröffentlichten Beiträge finden sich schon dort.

Warum ist mir das Thema so wichtig?

Ich bin Musiktherapeutin (u.a.). In vielen Jahren der Anstellung in diversen Kliniken habe ich mit sehr vielen verschiedenen Menschen kreativtherapeutisch gearbeitet. Es ging immer um die Frage: Welcher Aspekt der Musik (und es gibt unendlich viele Aspekte…) kann bei welchem Bedürfnis oder welcher Problematik helfen?
Ich habe erlebt, dass eine 90jährige Dame, die seit zehn Jahren kaum ein Wort gesprochen hat, bei den ersten Zeilen von ‚Wenn alle Brünnlein fließen‘ miteinstimmt, um dann alle vier Strophen fehlerfrei weiterzusingen.
Ich habe Begegnungen mit Wachkomapatienten erlebt, deren Atemrhythmus sich bei einer auf ihren Puls abgestimmten Improvisation, reguliert und beruhigt hat.
Ich habe erlebt, wie Emotionen gelöst werden konnten, durch die simple Erinnerung an und Arbeit mit Musik aus der Jugend und wie ein Mensch, der nach einem schweren Schädel-Hirntrauma nur noch das Wort ‚Nein‘ formulieren konnte und voller Wut war, nach ein paar Wochen die ersten Zeilen von Bruder Jakob mitsingen konnte – und wollte.
Ich konnte einen kleinen 3-jährigen Jungen mit der Diagnose ‚Frühkindlicher Autismus‘ dabei zuhören, wie er nach mehreren Monaten das erste Mal eine spezifische Reaktion auf einen musikalischen Impuls von mir geben konnte.
Und ich konnte durch die Strukturgebung des gemeinsamen Improvisierens eine kleine Therapiegruppe von Kindern mit der Diagnose ADHS dazu bringen, (halbwegs) geordnet und aufeinander hörend, Musik zu machen.

Die Liste könnte noch endlos weitergehen. Aber vielleicht erklären auch diese paar Beispiele schon, warum ich so eine Faszination für das Thema ‚Kreativer Ausdruck und Gesundheit‘ hege – oder weiter gefasst ‚Kultur und Gesundheit‘.
Denn ich weiß, dass jeder Kunst-, Tanz-, und Schreibtherapeut ähnliche Geschichten zu erzählen hat. Und eigentlich hat die jeder Mensch zu erzählen – genau deswegen haben wir das Projekt ‚Kultur als Lebenselixier‘ gegründet.

Ich interessiere mich sehr für eure Geschichten, Episoden und Anekdoten und würde mich unglaublich freuen, wenn noch mehr Menschen mir von ihrem ganz persönlichen, kulturell geprägtem, Gesundheitselixier erzählen würden – über Email oder Telefon oder als Kommentar zu diesem Blog…

6 Gründe, warum kreativer Ausdruck unersetzlich für unsere Gesundheit ist!

Kreativität ist etwas, das in uns allen steckt und das seit Anbeginn der Zeiten. Es ist allerdings auch ein Begriff, unter dem teilweise sehr unterschiedliche Szenarien verstanden werden können. Jemand, der Klavier spielt und dabei streng nach Noten spielt, ist kreativ. Jemand, der frei nach Intuition tolle Bilder entstehen lässt, ist auch kreativ.

Und von Kreativität wird auch im Innovationsbereich gesprochen, wenn neue Ideen entstehen für Produkte. Irgendwann gehe ich auf diese Unterschiede nochmal genauer ein, aber heute will ich verschärft über den kreativen Ausdruck schreiben. Das ist der Zustand, in dem wir malen, Musik machen, schreiben, tanzen oder etwas gestalten. Kreativer Ausdruck bedeutet: etwas, das in uns ist, findet seinen Weg nach Außen und wird hörbar und sichtbar wird. Und damit kommen wir auch schon zum ersten der sechs Gründe, warum kreativer Ausdruck so eng mit psychischer Gesundheit zusammenhängt.

  1. Ich lerne mich selber besser kennen
    Wenn ich bewusst etwas gestalte, sei es künstlerisch oder beim improvisieren oder beim schreiben, kann ich meine Gefühle hörbar und sichtbar machen. Auf einmal ist etwas, das vorher in mir gefangen war, offen dargelegt. Dies von außen zu sehen, kann uns die nötige Distanz geben, um einen neuen Blickwinkel zu erlangen. In der Musiktherapie nennen wir das eine Externalisierung innerer Anteile. Das kann uns Kontrolle wiedergeben, da wir es nun auch bewusst spielerisch verändern können. Um die neu gewonnenen Erkenntnisse dann wiederum zu integrieren.
  2. Ich trete in eine authentische Kommunikation mit meinen Mitmenschen
    Ich mache mein Innenleben für andere hörbar/sichtbar/greifbar.
    Das mag nicht immer unser Ziel sein – aber es ist ein gutes Ziel. Vor allem, wenn uns Worte fehlen, kann unser Gegenüber – wenn es feinfühlig genug ist – durch das, was wir geschaffen haben, oft besser verstehen, was wir fühlen und denken. Natürlich hinter dieser Tatsache auch immer wieder eine große Angst, meistens basierend auf der Annahme ‚Wenn ich mich zeige, bin ich verletzlich‘. Mit Glaubenssätzen kann man jedoch arbeiten – das genauer zu erklären, würde allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen.
  3. Ich trainiere Achtsamkeit
    Die Schulung des künstlerischen Ausdruckes geht eigentlich immer Hand in Hand mit der Wahrnehmungsschulung. Beim Musik machen schule ich mein Ohr. Um Dinge zu gestalten, muss ich sie vorher detailliert wahrnehmen und um detailliert wahrzunehmen schärfe ich mein Sehen. Beim Tanzen schärfe ich meinen Körpersinn, bei der Arbeit mit Materialien meinen kinästhetischen Sinn. Um aufzuschreiben, was ich erlebt habe, muss ich vorher gut beobachtet haben. Um meine Kreativitäts- und Inspirationsfähigkeit zu beflügeln, ebenfalls.
  4. Ich bringe mein Leben in den Fluss
    Je mehr Neues ich erschaffe, desto mehr gewöhne ich mein Gehirn daran, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und mit den Begebenheiten dort wiederum Neues zu erschaffen. Meine Kreativität wird geschult, indem ich kreativ bin. Flexibilität und Spontanität werden somit ebenfalls trainiert und können, wenn man sich aktiv darum kümmert, auch in den Alltag übertragen werden. Ich kann möglicherweise Lösungen für mein Leben finden, wo ich vorher stecken geblieben bin. Neues erschafft neue Möglichkeiten!
  5. Ich entspanne
    Manche kreative Tätigkeiten geben dem Gehirn die Möglichkeit, in einen Alphazustand zu geraten. Dies sind vor allem Tätigkeiten, in denen man nicht viel nachdenken muss, wie z.B. Bilder ausmalen oder manche Phasen des Strickens oder Nähens. Andere Tätigkeiten sind geistig anspruchsvoller, haben aber dadurch einen anderen entspannenden Effekt: Sie lenken unseren Fokus auf etwas anderes, als das, was uns sonst alltäglich beschäftigt.

  6. Ich umgebe mich mit Schönheit
    Es liegt unendlich viel Schönheit im kreativen Ausdruck. Und Schönheit zieht Schönes an. Die Frage ist immer – Worauf lege ich in meinem Leben den Fokus? Was nimmt am meisten Raum ein? Dies ist nicht unbedingt eine Frage der Quantität. Ich kann am Tag nur eine Stunde dem Schönen widmen und das trägt mich durch 23 Stunden mit… nicht ganz so Schönem. Die Frage ist eher, wieviel Energie ich in etwas reinstecke und mit wie viel Hingabe ich dabei bin.

Es gibt also eine Menge Gründe, eine Form des kreativen Ausdruckes in den Alltag zu integrieren. Dabei gibt es natürlich viele verschiedene Möglichkeiten, dies zu tun und am Ende muss man schauen, ob man sich wohler damit fühlt, zu singen, zu schreiben oder zu töpfern – um nur drei von vielen unendlichen Möglichkeiten zu nennen.

Vielleicht muss man auch erstmal ein wenig ausprobieren (und am besten nie damit aufhören, Neues auszuprobieren!) Am Ende gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel.