3 Gründe, warum dir Schreiben beim Umgang mit negativen Gefühlen bisher noch nicht geholfen hat - und wie du das ändern kannst!

Schreib Tagebuch, haben sie gesagt. Starte ein Journal. Es hilft dir beim Umgang mit negativen Gefühlen, haben sie gesagt… aber jetzt sitzt du hier, verpackst deine Wut, deine Bitterkeit und Ängste in Worte, füllst Seiten um Seiten in deinem Tagebuch – aber die Erleichterung stellt sich nicht ein.  

Funktioniert das mit dem Schreiben am Ende doch nicht so gut, wie sie alle sagen?

Ich wollte eigentlich niemals darüber schreiben, dass man Fehler beim Schreiben machen kann.

Beim Umgang mit negativen Gefühlen kann es aber durchaus den ein oder anderen Stolperstein geben kann. Das wirkt sich wiederum auf das Schreiben aus.  
Auf diese Stolpersteine gehe ich in diesem Artikel ein.

Und natürlich erfährst du auch, wie du sie umgehen kannst!

Grund Nr. 1: Du bewertest zu stark im Umgang mit negativen Gefühlen

Schreiben über die Gefühle- geht das überhaupt? Schreiben ist doch etwas sehr Analytisches, Strukturiertes. Dieses Feedback bekam ich neulich von einer Bekannten.

In der Schule lernen wir, dass Schreiben strukturiert sein muss. Wir lernen, uns vor dem Schreiben einen Plan zu machen, eine Handlung zu überlegen und das Ganze mit einer Einleitung, Hauptteil und Abschluss-Struktur zu versehen. Wir bekommen Noten für unsere Aufsätze, Erläuterungen und Interpretationen.

Dadurch bilden wir starke Meinungen aus darüber, wie Schreiben auszusehen hat und wie nicht.

Mit ähnlichen Ideen betrachten wir auch unsere Gefühle. Wir wachsen mit einer Reihe von Annahmen darüber auf, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen sollten. Diese sind unterschiedlich, je nachdem, aus welchem gesellschaftlichen oder familiären Hintergrund wir stammen. Ohne, dass uns das so bewusst ist, bekommen wir von klein auf durch Eltern, Bekannte und Medien vorgelebt und erklärt, wie der Umgang mit negativen Gefühlen auszusehen hat.

Wenn du dich zum ersten Mal hinsetzt und über deine Gefühle schreiben willst, hast du es somit in zweifacher Form mit einem starken, internen Bewertungssystem zu tun: einem über das Schreiben und einem über deine Gefühle.

Das kann sich in folgenden Gedanken äußern, die dir beim Schreiben kommen:

„Das ist doch belanglos, was ich hier schreibe“
„Wen interessiert das schon“
„Warum sollte ich das aufschreiben?“
„Es ist bescheuert, dass ich das so fühle, was ich hier fühle“
„Stell dich mal nicht so an…“
„Das bringt doch nichts…“
„Das klingt wie das Gejammer eines von Liebeskummer geplagten Teenagers“

Kommt dir etwas davon bekannt vor? Es ist der innere Kritiker, der sich hier lautstark zu Wort meldet. Er ist nichts anderes als eine Reihe von Ideen über das Schreiben und über Gefühlsverarbeitung, die aus der Vergangenheit kommen. Sie sorgen dafür, dass das Schreiben über deine Gefühle dir schwerfällt.

Tipp: Wie du mit deinem Bewertungssystem umgehst

Um mit diesen Bewertungen umzugehen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. (Lies hierzu auch meinen Artikel: Schreiben ohne Lästermaul – drei Szenarien für den Umgang mit dem inneren Kritiker)

Wenn du dich bisher noch gar nicht mit deinem internen Bewertungssystem beschäftigt hast, ist es schon ein großer Schritt, diese Bewertungen wahrzunehmen. In dem Moment, wo du das tust, kannst du sie distanzierter betrachten. Sie sind Gedanken, die du denkst, die aber nicht der Wahrheit entsprechen müssen. Im nächsten Schritt kannst du sie – ohne zu sehr in den Widerstand zu gehen – verabschieden.

Du kannst sogar mit ihnen sprechen und etwas in der Art sagen:
„Vielen Dank für den Hinweis. Für das, was ich hier tue, brauche ich aber keine Bewertungen, denn beim Schreiben über die eigenen Gefühle gibt es kein richtig und kein falsch. Wenn ihr nichts dagegen habt, schreibe ich jetzt also einfach weiter.“

Den inneren Kritiker mit all seinen Kommentaren ganz loszuwerden ist sehr schwierig, du kannst aber lernen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wenn es darum geht, kunstvollere oder literarische Texte zu verfassen, kann er durchaus hilfreich sein – vorausgesetzt, er mischt sich erst ab den Überarbeitungen und nicht im ersten Entwurf ein.

Grund Nr.2: Du bleibst beim Umgang mit negativen Gefühlen an der Oberfläche

Um besser zu verstehen, was es mit diesem Grund auf sich hat, möchte ich ein Bild mit dir teilen:
Stell dir einen Ozean vor. Der Ozean hat eine Wasseroberfläche, die sehr wetterabhängig ist. Auf der Oberfläche befinden sich Wellen und kräuselnde Bewegungen, manchmal sogar ein Strudel. Je tiefer man unter die Wasseroberfläche taucht, desto stiller wird es. Unten auf dem Meeresboden herrscht Ruhe. Von den Turbulenzen an der Oberfläche ist hier nichts zu spüren.
Du bist der Ozean. Deine Gedanken und Gefühle sind an der Oberfläche. Sie werden schnell beeinflusst von den äußeren Wetterfaktoren. Beim Sturm fühlst du dich umhergewirbelt, bei Sonne gewärmt. Es kommt dir vor, als seist du abhängig von den äußeren Umständen.
Fakt ist jedoch: Du bist nicht die Wasseroberfläche. Du bist die Ruhe am Boden des Ozeans. Du bist die Stille, die sich nicht beeinflussen lässt von den Turbulenzen an der Wasseroberfläche.
Allzu oft jedoch glauben wir, dass wir unsere Gedanken und Gefühle sind. Aber sie sind nur ein Teil von uns – unser eigentliches Sein ist viel größer und viel -im wahrsten Sinne des Wortes – tiefsinniger als das.

Eine Gefahr beim Schreiben über die eigenen Gefühle kann sein, dass du zu sehr an der Oberfläche bleibst. Das passiert, wenn du unreflektiert deinen Gedanken und Gefühlen folgst, sie für die einzige Wahrheit hältst und nicht tiefer gräbst.
Wenn du z.B. Seiten damit füllst, dich über Kollegin Müller aufzuregen und dich am laufenden Band selbst darin bestätigst, wie doof du sie findest – dann bleibst du an der Oberfläche. Du gibst dem Schreiben und dir selbst keine Möglichkeit, tiefer einzusteigen.

Tipp: Wie du die Oberfläche beim Schreiben verlässt

Es ist vollkommen okay, sich eine Weile in dem negativen Gefühl, das man hat, zu ergehen – auch schreibend. Wie ich im Blogartikel ‚Wer ist hier der Boss? Warum dir Schreiben Erleichterung bringt im Umgang mit schwierigen Gefühlen‚ beschrieben habe, ist die Wahrnehmung und die Akzeptanz des Gefühls der erste wichtige Schritt. Damit einhergehend ist ein gewisses Auskosten des Gefühls.
Das mag provokativ klingen, aber es stimmt: Du darfst negative Gefühle genießen. Du darfst dich hineinfallen lassen und voller Übertreibung und Dramatik darüber schreiben.

Aber danach geht es weiter. Wenn du das Gefühl hast, das Gefühl genug gelebt zu haben, stelle dir folgende Frage:

Was hat das mit mir zu tun? 
Ist das Gefühl echt – oder nur ein Teil von mir?
Was liegt am Grunde des Gefühls – am Ozeanboden?

Schreibe drauf los und schau, was kommt. Egal, was kommt – es ist auf jeden Fall eine neue Richtung, die du einschlägst. Und zwar die, die dich weg von der Wasseroberfläche bringt – auf den Grund des Ozeans und hin zu deiner inneren Weisheit. 

 

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Grund Nr. 3: Du erwartest zu viel

Der dritte Grund, warum Schreiben dir bisher nicht geholfen hat beim Umgang mit negativen Gefühlen, liegt in deiner eigenen Erwartungshaltung. 
Das ist eng verbunden mit dem inneren Bewertungssystem, das ich im am Anfang dieses Blogs beschrieben habe. Bei deiner Erwartungshaltung kommt dir dein Perfektionismus in die Quere.

So wie das innere Bewertungssystem ist auch dein Perfektionismus (in der Regel) das Produkt gesellschaftlicher Annahmen, die sehr auf Effektivität und Erfolg fokussiert sind.

Beim Umgang mit negativen Gefühlen hindert uns genau diese Haltung daran, uns einzulassen. Du willst es richtig machen und du willst, dass es sofort wirkt. Das ist ein enormer Druck, der durch Angst vorm Versagen begleitet wird. Diese Angst hemmt dich und du schreibst gar nicht erst los, da dir alles zu belanglos erscheint, was du zu Papier bringst.

Wenn du dich hinsetzt und über deine negativen Gefühle schreibst, solltest du das so ziellos wie möglich machen. Sieh es als Erkundungstour durch dein Inneres. Und als Detektivarbeit. Du weißt nicht, was du am Ende findest.

Tipp: Wie du dich von deinem Erwartungsdruck befreist

Um zu verhindern, dass dein Erfolgsdruck dich beim Schreiben über deine Gefühle hemmt, macht es Sinn, das Schreiben regelmäßig in deinen Alltag zu integrieren.
Dadurch hast du nicht den Druck, beim einmaligen Schreiben die große Erkenntnis zu haben.
Du gibst dir dadurch Zeit, dich selbst und deine Gefühls – und Gedankenwelt zu erkunden.

Das Schreiben über die eigenen Gefühle kann durch eine Journaling- Routine geschehen – dafür genügen schon 15 – 20 Minuten am Tag.

Auch die Arbeit mit dem inneren Kritiker wie weiter oben beschrieben kann helfen, die eigenen Erwartungen niedrig zu halten.

Zusammenfassung

Schreiben kann dir beim Umgang mit negativen Gefühlen helfen. Damit du das Beste für dich rausholen kannst, mach dir dein internes Bewertungssystem und deine innere Erwartungshaltung an die Themen Schreiben und Gefühle bewusst.
Und sei mutig, etwas tiefer zu graben und vom oberflächlichen Fühlen und Denken wegzukommen.

Du wirst erstaunt sein, was du alles am Boden des Ozeans finden kannst!  

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