Schreiben ohne Lästermaul- drei Szenarien für den Umgang mit dem inneren Kritiker

Da ist sie wieder. Diese innere Stimme. Sie flüstert mir zu und sie flüstert mir ein, hauchig, zischend und manchmal auch zornig, lästernd, hämisch. An anderen Tagen wiederum einschmeichelnd, zutraulich – sie wolle mich ja nur davor bewahren, mich zu entblößen, Schwäche zu zeigen und Spott zu riskieren.
Meine Freundin sei sie, so hypnotisiert sie mich, ich solle ihr doch vertrauen.

Mein innerer Kritiker ist eine SIE, wie mir jetzt gerade das erste Mal klar wird. Es ist eine weibliche Stimme mit meiner Klangfarbe, die ein Eigenleben entwickelt hat.
Entstanden ist sie in einer Phase aus meiner Kindheit, in der ich noch nicht fähig war, das Erlebte zu reflektieren. Sie war die Stimme der erwachsenen Menschen um mich herum, die es besser wussten. Der Lehrer, der mich auf meine nicht vorhandene Schönschrift hinwies und meine Eltern, die stets Leistung forderten und Lob nicht unverdient verteilten.
Und noch viele andere Menschen, denen ich im Laufe meines Aufwachsens begegnet bin und die mich stets anfeuerten, Dinge noch besser zu machen und mich nicht mit weniger zufrieden zu geben. Ich war zu klein, um mich abzugrenzen und dem etwas entgegenzusetzen und nun ist es da, dieses Wesen, hat es sich bequem gemacht, die Füße hochgelegt und ist voll und ganz in seiner Rolle als besserwisserischer Kommentator aufgegangen. Die Folge sind Schreibblockaden, Prokrastination und viel heiße Luft an der Stelle, wo handfeste Veröffentlichungen stehen sollten.

Nun bin ich Gott sei Dank heute nicht mehr das Kind, dass Kritik hoffnungslos ausgeliefert ist. Stattdessen habe ich drei innere Szenarien entwickelt, die je nach Tagesform zum Zuge kommen, wenn es mal wieder darum geht, dem Kritiker etwas entgegensetzen zu müssen.

Erstes Szenario:
Ich gebe meinem inneren Kritiker Raum und nehme ihn ernst.

Diese kritische Stimme in mir hat etwas zu sagen und das sollte ich mir anhören. Dabei geht es weniger um die konkreten Äußerungen, die sie mir einflüstert, sondern um die Sorge dahinter. Schließlich meint sie es doch wirklich nur gut mit mir. Ich fordere Schreibklienten gerne auf, in den Dialog zu gehen mit dem inneren Kritiker – und zwar am besten schriftlich. Was willst du? Ok, warum? Und was glaubst du, sollte ich anders machen?
Daraus können erstaunliche Erkenntnisse entstehen und am Ende verstehen beide Beteiligten sich ein wenig besser.
Eine weitere Möglichkeit dieser inneren, dem Kritiker zugewandten Haltung, ist auch, sich eine Woche lang jeden Tag die Zeit zu nehmen, um alle Kommentare, die er so von sich gibt, aufzuschreiben. Unzensiert und vollkommen ehrlich. Und dann bewusst einen Schlußstrich zu setzen.

Szenario 2:
Ich gebe meinem inneren Kritiker zwar Raum, nehme ihn aber nicht ernst.

Wer Harry Potter kennt, erinnert sich vermutlich an den ‚Ridiculous‘-Zauber. Es geht darum das, wovor man am meisten Angst hat, ins Lächerliche zu ziehen. Dies lässt sich auch hervorragend auf den Kritiker anwenden, vor allem, wenn dieser dazu führt, dass man schon gar nicht mehr schreibt, weil er bei jedem Satz reingrätscht.
Anstatt Angst vor dem Kritiker zu haben, mache ihn zu etwas, dass ein Aussehen hat. Das kannst du visualisieren oder aufmalen. Dann verändere dieses Aussehen. Füge Details hinzu, wie z.b. ein Hawaihemd oder lilane Glitzerpumps. Oder lass ihn eine komplette Transformation erleben, in eine andere, viel weniger furchteinflößende Wesenheit. Wenn du noch einen Schritt weiter gehen willst, dann stelle dir vor, wie du dieses neu entstandene Wesen in die Wüste schickst. Oder über die Nordsee katapultierst.
Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Szenario 3:
Ich gebe meinem inneren Kritiker keinen Raum und nehme ihn erst recht nicht ernst.

In diesem Szenario habe ich mich, nach dem wiederholten Durcharbeiten der anderen beiden Szenarien, mittlerweile eingerichtet. Es ist vor allem für all jene gut, die sich schon ausführlich mit der inneren Stimme auseinandergesetzt haben, diese aber immer noch keine Ruhe gibt.

Ignorieren. Einfach machen. Das ist mein Mantra. Ich höre die Stimme, aber ich schicke sie – manchmal liebevoll, manchmal sehr vehement – wieder weg und schreibe einfach weiter. Oder ich beachte sie noch nichtmal und schreibe trotzdem weiter. Das geht ganz gut, ich glaube, weil ich ihr vorher schon so viel Raum gegeben habe.

Mittlerweile arbeiten wir ganz gut zusammen, die Kritikerin und ich. Ich schreibe, sie korrigiert. Wir haben da so einen Deal – sie darf sich ab dem zweiten Durchlesen einschalten, aber nicht im ersten Entwurf. Der würde mit ihr nämlich gar nicht erst fertig werden.
Die zweite und dritte Überarbeitung machen wir gemeinsam. Danach verschwindet sie wieder, denn sonst würde ich nie veröffentlichen.
Und an guten Tagen sehe ich sie sogar gar nicht mehr getrennt von mir. Da arbeiten wir dann in perfekter Harmonie. Ein auf einander abgestimmtes Team, in dem jede ihre Aufgaben kennt und ihre Fähigkeiten zum richtigen Zeitpunkt einsetzt.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: