„Who lives, who dies, who tells your story?“ – Was das Musical ‚Hamilton‘ mit biografischem Schreiben zu tun hat

Der ein oder andere mag es gesehen haben, das Musical ‚Hamilton‘, das lange am Broadway und im Londoner Westend lief (und hoffentlich auch wieder laufen wird!).
Ich gehöre zu den Glücklichen, die es in London letztes Jahr sehen konnten und seitdem schwingen Musik und Text immer wieder in mir nach.

mde

Mit diesem Titel (deutsch: Wer lebt, wer stirbt, wer erzählt unsere Geschichte?) beziehe ich mich auf das Finale des Musicals. Wer lebt, wer stirbt, wer erzählt unsere Geschichte? Oder- besser gesagt: wer wird leben, wer wird sterben, wer wird unsere Geschichte erzählen? Ein Titel voller Fragen. Im Musical wird es nach dem Tod des Protagonisten Alexander Hamilton klar, dass seine Frau Eliza seine Geschichte weitererzählen wird. Dafür durchforstet sie unter anderem tausende von Seiten, die ihr Mann zu Lebzeiten geschrieben hat („you really do write, when you’re running out of time“)
Aber wie ist das für uns ’normale‘ Bürger, die wir keinen ergebenen Ehepartner haben, der sich dies zur Aufgabe macht?

Da wäre die erste Frage natürlich: Warum sollte man unsere Geschichten erzählen?
Die Antwort ist schnell gegeben. Für unsere direkten Nachfahren. Unsere Kinder, Enkelkinder, Nichten, Neffen etc. Ich persönlich hätte sehr gerne mehr über meine Familie erfahren. Aber ich bin die erste, die schreibt und alles, was vor der Geburt meiner Eltern stattgefunden hat, scheint schlicht und einfach nicht-existent. Dabei musste doch auch meine Ururgroßmutter schon ihre Gedanken und Probleme gehabt haben. Vielleicht habe ich die ewige Sinnsuche von ihr geerbt? Und vielleicht kommt mein musikalisches Gen von einem Musiker aus dem 19..Jahrhundert, der der Großonkel meines Opas war?
Es gibt noch mehr Gründe, unsere Geschichten zu erzählen – dem möchte ich gerne einmal einen zukünftigen Blogartikel widmen.

Wer erzählt sie also unsere Geschichte, wenn nicht eine treu ergebene Ehefrau?
Auch diese Antwort ist schnell gegeben: Keiner, außer wir tun es selbst. Also mal wieder ein Plädoyer auf das Biografische Schreiben. Und ein weiterer Aspekt der Tatsache, dass Schreiben ein Stück weit unsterblich macht – wie ich in meinem letzten Beitrag schon geschrieben habe.

Wenn ich also will, dass sich die Welt an mich erinnert, dann muss ich dafür selber sorgen. Und was hält länger als die Schrift? Erst recht in digitalen Zeiten.
Nun könnte man argumentieren, dass es in genau diesen digitalen Zeiten genug Zeugnis unseres Alltages gibt. Das stimmt natürlich und unsere Nachkommen werden auf jeden Fall einen viel tieferen Einblick in unsere täglichen Sorgen und Nöten haben, als wir in die der Menschen der letzten Jahrhunderte. Aber will ich als Mensch aufgrund dessen erinnert werden, was ich in unzähligen unbedachten WhatsApp-Momenten von mir gegeben habe? Oder anhand der Schnappschüsse, die ich auf Facebook gepostet habe?
Eigentlich nicht.

In Hamilton gibt es eine Szene, in der Eliza, enttäuscht und betrogen, die Briefe verbrennt, die ihr Alexander geschrieben hatte. Sie will sich selber aus der Erzählung löschen. Es ist ihre Form der Abrechnung mit ihrem Mann. Die Menschheit soll sich nicht daran erinnern, wie sie, Eliza, auf den Verrat ihres Mannes reagiert hat.
Sie will niemanden der Nachkommen Einblick gewähren in ihre Beziehung, in ihr Ehebett. Die liebevollen Briefe, die ihr Mann einst schrieb und die ihm Erlösung bringen könnten in den Augen der Welt – sie werden alle verbrannt, auf dass im Nachhinein ein falsches Bild von ihm entstehe.
Eliza will Kontrolle über das haben, was von ihrer Geschichte bleibt.
Ich kann das verstehen. Ich möchte auch entscheiden, welche Geschichten von mir weiterleben und welche ich lieber auslösche. Dies ist nur bedingt machbar, aber solange ich lebe will ichmein Bestes dafür tun, die Gedanken aufzuschreiben, an die man sich erinnern soll. Und wenn ich es richtig gut anstelle, habe ich dann vielleicht sogar auch andere Menschen inspiriert und vielleicht wird meine Geschichte auch von ihnen weitererzählt.

Was mich zu dem letzten Zitat aus diesem wunderbaren Abschlusslied führt:
„And when my time is up, have I done enough, will they tell my story?

Und nun meine Frage an euch für eine ganz eigene, öffentliche oder nicht öffentliche, Reflexion: Was wollt ihr erinnert haben von euch? Und welchen Teil würdet ihr gerne verbrennen – auf immer und ewig? In einer Welt, in der es nur das analog geschriebene Wort gab, war es einfacher, die Erinnerung auf immer und ewig auszulöschen.
Heute ist es schwierig. Das Internet vergisst nicht. Fluch oder ein Segen?

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: