Biografisches Schreiben – eine Reise ohne Visum

Beim Aufräumen meiner Schreibtischschubladen finde ich meinen Reisepass. Er
erregt meine Aufmerksamkeit und beim Durchblättern bleiben meine Augen an der
ein oder anderen Seiten hängen. Hier ein Stempel, dort ein Aufkleber. Diese
Seiten erzählen von den Ländern, in denen ich war. Die leeren Seiten
allerdings, erzählen von den Ländern, in denen ich nicht war. Alles eine Frage
des Blickwinkels. Ich mag die großen Visa. Die, die eine ganze Seite einnehmen,
wie das 6-Monate Visum für Indien. Oder das reingeklebte nepalesische Rechteck.
Langweiliger finde ich die eintönigen Stempel, die man bekommt, wenn man z.b.
in die USA reist. Die aber immer noch besser sind als die ganz leeren Seiten.
Mein Reisepass erzählt Geschichten von Grenzübergängen. Und von neuen Wegen.
Von Ängsten, die überwunden wurden und von Neugierde, die überhand nahm.
Mein Reisepass läuft jedoch bald aus. Zwei Jahre noch. Als er das letzte Mal
ablief, hatte ich den Ansporn, neue Reisen zu machen. Nichts ist so schlimm,
wie ein leerer, unbeschriebener Reisepass, fand ich. Arroganz der
privilegierten Jugend.
Aber auch heute, wo ich (natürlich) viel mehr Bescheid weiß über das, was
wirklich zählt im Leben, erschreckt mich der Gedanke an unerfüllte Blätter im
Pass. Warum das so ist? Dem könnte ich ein eigenes Kapitel widmen.

Weitere Kapitel könnte ich über die Geschichten schreiben, die vor meinem
inneren Auge auftauchen, ausgelöst durch Stempel und eingeklebte Einträge in
meinem Pass. Ich sehe sie und erinnere mich an Geschichten von Affen und
Nachtzügen, buddhistischen Mönchen und Tauben auf dem Empire State Building.
Ich kann über das Reisen allgemein nachdenken und was es für mich bedeutet hat.
Auch, was es mit mir gemacht hat. Mein Reisepass trägt mich zurück in die
Vergangenheit.

Aber auch weniger bedeutsame Gegenstände haben die selbe Macht, Geschichten von
früher auszulösen. Mein Schlüsselbund zum Beispiel. Der Wasserkocher in
Hahnenkopfform. Die verblichene Jeansjacke, die ich mir mit 16 von meinem
ersten eigenen verdienten Geld gekauft hatte.

Um sich zu erinnern, gibt es viele Möglichkeiten. Gegenstände, Briefe,
Gespräche mit den Eltern/Großeltern. Um darüber zu schreiben, gibt es auch
viele Möglichkeiten.
Wir können clustern und automatisch Schreiben. Wir können uns durch die
Jahrzehnte hangeln, anhand unserer jeweiligen Lieblingsorte, Bücher und Musik.
Unser Leben besteht unterm Strich aus vielen einzelnen kleinen Biografien,
alles, was uns begegnet und begleitet, kann als Inspiration für eine ganz eigene Geschichte dienen.
Beim biografischen Schreiben begebe ich mich auf eine Reise, für die ich keine
Visa brauche.
Dabei macht im Rückblick Vieles mehr Sinn als in dem Moment, in dem wir es
erleben. Im Nachhinein können wir Zusammenhänge sehen und Muster erkennen. Wir
sehen, wie Ereignisse stattgefunden und uns geformt haben, um uns zu genau dem
Menschen zu machen, der wir heute sind.
Den chaotischen Wirrungen unseres Lebens wird eine Bedeutung verliehen – oder
was noch wichtiger ist: Ein Sinn.

Unser Leben schreibt kleine und große Geschichten.
Manchen bleiben offen, manche haben ein Happy End. Manche enden auch traurig.
Aber Tatsache ist – die Zeit stoppt nicht. Wo der Hollywoodfilm endet, geht
unser Leben weiter. Auf in die nächste Geschichte. Die vielleicht zusammenhängt
mit einer, vor zehn Jahren erlebten, Geschichte und Bezug nimmt auf etwas, das
zwei Jahre später passieren wird. Nur, dass wir es in dem Moment noch nicht
wissen. Denn eingebettet sind all diese kleinen Geschichten in diese eine große
Geschichte, die sich unser Leben nennt und die erst, wenn überhaupt, mit
unserem Tod endet. Danach wird sie weitererzählt, wenn wir Glück haben. Durch
unsere Kinder, Enkelkinder, Neffen und Nichten. Oder eben – wenn wir vorgesorgt
haben – durch uns selbst. Aufgeschrieben als Buch oder Tagebuch oder einfach
nur als Sammlung.

Und vielleicht ist das einer der mystischsten Gründe, warum viele Menschen
sich dem biografischen Schreiben widmen. Weil es sie ein Stück weit unsterblich
macht.

Ein Kommentar zu “Biografisches Schreiben – eine Reise ohne Visum

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